paPPa.com-Rezension
Anneke Napp-Peters, Familien nach der Scheidung
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Vortrag Gelsenkirchen Mai 97 |
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FOCUS: Die alltägliche Katastrophe |
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Anneke Napp-Peters, Familien nach
der Scheidung
Verlag Antje Kustmann, München 1995, ISBN 3-88897-159-4,
DM 29,80
In einer Langzeitstudie hat Anneke Napp-Peters 150 Scheidungsfamilien mit 269 Kindern aus ausgewählten Kommunen Norddeutschlands über 12 Jahre von 1980/81 an begleitet und Kinder, Mütter und Väter und neue Lebenspartner nach ihren Erfahrungen und Einstellungen befragt.
Sie traf (nach einer Zufallsstichprobe des Einwohnermeldeamtes) auf
und hat bei der Auswertung des Forschungsmaterials danach unterschieden, ob die Eineltern- bzw. Mehrelternfamilien den außerhalb lebenden, nichtsorgeberechtigten Elternteil in das Familienbild und in die sozialen Kontakte der Familie integriert oder ob sie ihn ausgegrenzt haben.
In ihrer Veröffentlichung werden die vier familiären Grundmuster und die jeweils verschiedenen Lebenswelten, in denen sich das Kind zurecht finden muß in sechs Kapiteln auf 169 Seiten näher betrachtet.
Die Ergebnisse ihrer Forschung zeigen:
Die vorherrschende Meinung, daß eine Scheidung eine vorübergehende Krise darstellt, die nach einiger Zeit von selbst überwunden würde, ist falsch.
Unter der Scheidung, in deren Verlauf ein Elternteil ausgegrenzt wird, leiden Kinder jahrelang, allzu oft ein Leben lang. In einer abschließenden Stichprobe von 54 Kindern, die besonders unter der Ausgrenzung litten, zeigte sich: „Nur 25 Prozent der Kinder ist es gelungen, ihre scheidungsbedingten Schwierigkeiten zu überwinden und sich zu lebenstüchtigen Erwachsenen zu entwickeln. 75 Prozent haben dagegen nach wie vor große Probleme, den Alltag zu bewältigen und längerfristige Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte hat Probleme mit Alkohol und Drogen, einige haben wegen Beschaffungskriminalität bereits vor dem Richter gestanden.“
Die 25 Prozent der Kinder, die ihr Leben in den Griff bekommen haben, konnten auf gute Kontakte zu ihren nichtsorgeberechtigten Eltern und auf viel Unterstützung zurückgreifen. „Der Verlust von Familienbeziehungen ist dagegen nicht nur die häufigste Folge der Scheidung, sondern zugleich auch die gravierendste Ursache für scheidungsbedingte Störungen bei Kindern.“
Die Reaktionsweisen von Jungen und Mädchen auf veränderte Familiensituation ist unterschiedlich. Während Jungen unmittelbarer mit anhaltendem Problemverhalten reagieren, treten psychische Störungen bei Mädchen - zumeist verzögert - mit der Pubertät auf. „Vor allem aber wuchsen die Kinder fast ausnahmslos in Familien auf, die den anderen Elternteil ausgrenzten.“
Das erschütternde Ergebnis der bisher einzigen repräsentativen Langzeitstudie ist:
Ausschließungsprozesse des nichtsorgeberechtigten Elternteils führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu scheidungsbedingten irreversiblen Störungen, die die Unfähigkeit im Erwachsenenalter zu Folge haben, ihren Alltag zu bewältigen. Verbunden damit sind Alkoholprobleme, Drogenabhängigkeit und Kriminalität. 80% der Kinder, die in Heimen leben, kommen aus Scheidungsfamilien.
Die Autorin kommt zum Schluß: „Als gesellschaftliches Massenphänomen ist die Scheidung - und sind vor allem die Scheidungsfolgen - heute kein privates Problem mehr.“ Immerhin wird in Deutschland mehr als jede dritte Ehe geschieden. In Ballungsgebieten ist es bereits jede zweite. Aus mehr als der Hälfte der Ehen sind Kinder hervorgegangen. Von ehelichen Trennungen sind 1995 über 150.000 Kinder betroffen gewesen, rechnet man die nichtehelichen hinzu, kommt man auf eine Zahl um 200.00 jährlich. 90% der Scheidungen werden durch die Frau eingereicht. „..gerade für Frauen hat das Zusammenleben in der Institution Ehe als einer lebenslangen Bindung erheblich an Bedeutung verloren.“
Die Jugend- und Familiensoziologin empfielt als Ergebnis ihrer Studie die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall nach der Scheidung zu machen.
Wie in Dänemark sollte eine einverständliche Eheaufhebung - ohne jeglichen Anwaltszwang - von einer neutralen und weisungsunabhängigen Stelle vorgenommen werden, die beide Eltern begleitet und berät.
Ihre wichtigste Forderung als Erkenntnis aus den Forschungsergebnissen ist: „Die festgestellten langfristigen Folgen der Scheidung erfordern auch langfristige Lösungen und sind nicht durch eine einmalige Beratung zu beheben. Es ist vielmehr notwendig, ein langfristig angelegtes Beratungskonzept für Scheidungsfamilien zu entwickeln.“
Die beste Suchtprovilaxe und das wirksamste Rezept gegen Kriminalität und Alkohol sind:
Dipl.-Päd. Armin Emrich, Berlin, Papa der 5-jährigen Tochter Rodine (kann sehr gut kneifen)
Auszüge aus einem Interview der Zeitschrift "Brigitte" mit der Autorin:
Frage: Sie haben 150 Familien befragt. Sind die Probleme nach so langer Zeit nicht längst überwunden?
Eine Scheidung ist für Eltern und Kinder eine traumatische Erfahrung, die lebenslang nachwirken kann. Kinder jeden Alters reagieren kurzfristig unter anderem mit Trennungsängsten, Depressionen und Schuldgefühlen, die sich auch in Wutanfällen oder Lügen zeigen können. Die Symptome klingen in der Regel ab, wenn sich die neue Lebenssitutation stabilisiert hat. Die emotionale Stabilität der Kinder hängt jedoch entscheidend vom ständigen Kontakt zu beiden Eltern ab. Bei etwa der Hälfte aller Kinder in unserer Studie war der Kontakt zu den getrennt lebenden Vätern oder Müttern schon nach einem Jahr abgebrochen. Dieser Verlust hat die Kinder tief verletzt. Sie haben heute ein geringes Selbstwertgefühl, können schwer Vertrautheit aufbauen, sind häufiger depressiv und mit ihrem Leben unzufriedener als Kinder aus Familien, in denen eine gute Beziehung zu beiden Eltern besteht.
Frage: Jungen und Mädchen gleich?
Nach der Scheidung reagiern Jungen stärker als Mädchen, zum Beispiel mit heftigen Aggressionen, Schulversagen, Tierquälerei oder Weglaufen. Mädchen passen sich zunächst eher an, zeigen sich verständig und übernehmen Verantwortung. Aber im Jugendalter und in der Adoleszenz tauchen die Gefühle von Trauer, Verlust, Verlassenheit und Angst vor Beziehungen oft wieder auf.
Frage: Sie haben Ihre Studie nach den Familienformen ausgewertet, die nach der Trennung entstanden sind - warum?
Weil sie eine entscheidende Rolle spielen. Die Hälfte der Kinder, deren Störungen bis heute andauern, wuchs in Familien mit Stiefvater oder -mutter auf, die um jeden Preis als „Normalfamilie“ gelten wollten. Über den Bruch in der Familiengeschichte durfte nicht geredet werden, der Kontakt zum getrennten Elternteil wurde unterbunden. Dafür mußte der neue Partner als Vater oder Mutter anerkannt werden. Für Kinder ist das meist eine ausweglose Situation. Sie leiden an dem Verlust und fühlen sich als Verräter, geraten in Loyalitätskonflikte. Sie müssen sich aber aus Angst, auch den zu verlieren, bei dem sie leben, anpassen.
Frage: Ist eine neue Ehe für die Kinder also nachteilig?
Nein. Nur wenn sie mit dieser Verdrängung der Realität einhergeht. Besonders Kinder, die bei der Trennung noch sehr klein waren, konnten durch eine zweite, stabile Ehe Vertrauen und Sicherheit entwickeln, obwohl sie nach der Scheidung am stärksten gelitten hatten.
Frage: Welche Rolle spielen Geschwister?
Eine große. Einzelkinder sind der Situation allein ausgeliefert. Geschwister, auch Stief- oder Halbgeschwister, wirken wie ein Puffer.
Frage: Welche Familienform bietet die größten Chancen, das Scheidungstrauma zu überwinden?
Zunächst: Wenn Eltern diese Lebenskrise selbst gut bewältigen und den Kindern nach der Trennung guten Kontakt zu beiden Eltern erhalten, können sie in jeder Familienform die Krise psychisch stabil überwinden. Besonders gut gelang das in der „offenen Mehrelternfamilie“, die von jeder fünften Familie entwickelt wurde. Hier werden Stiefeltern und getrennte Partner in die neue Familie integriert, niemand wird verdrängt oder abgewertet. Das ist allerdings ein kompliziertes Rollen- und Beziehungsgeflecht, das viel Toleranz, Konfliktfähigkeit und Geduld erfordert.
Frage: Etwa 60% der Kinder Ihrer Studie wuchsen bei Alleinerziehenden auf. Haben es diese Kinder besonders schwer?
Auch hier kommt es darauf an, ob die getrennten Eltern bei der Erziehung kooperieren. Wo das gelingt, sind die meisten Kinder sehr stabil. Aber hier wiegt ein anderes Problem schwer: Jede/r vierte Alleinerziehende war nach der Scheidung auf Sozialhilfe angewiesen, und bei den meisten ist das so geblieben. Armut ist immer eine große Belastung für das Familienklima und die Entwicklung der Kinder.
Frage: Sollten sich auch andere Familienmitglieder um die Kinder kümmern oder sich besser ganz raushalten?
Interesse und Fürsorge von Verwandten oder Freunden der Eltern, Lehrern oder Nachbarn können Kindern ganz entscheidend helfen, die Trennung zu überwinden. Manche lernten so durch die Scheidungserfahrung, Notlagen besser zu bewältigen, und gingen sogar gestärkt aus ihnen hervor.
25.09.1995; Focus; Ausgabe 39/95; Seite 247
DIE ALLTÄGLICHE KATASTROPHE - Die neuen Untersuchungen übertreffen selbst schlimmste Befürchtungen: Jedes zweite Scheidungskind erleidet bleibende psychische Schäden
"Der Tod ist nicht so schlimm wie eine Scheidung" - makabre Worte des 19jährigen Paul, eines Sohns getrennter Eltern, aufgezeichnet von Anneke Napp-Peters in ihrer Langzeitstudie. Psychologen können jedoch bestätigen, daß beim Tod des Vaters oder der Mutter die Folgen für die Entwicklung eines Kinds in der Regel weniger schlimm sind als beim Fortgang eines Erzeugers.
Echte Halbwaisen sind in der Lage, sich mit dem unwiderruflichen Schicksalsschlag abzufinden und Gegenkräfte zu entwickeln; Scheidungskinder hingegen vermögen nicht wirklich zu begreifen, daß das geliebte Wesen noch existiert, aber den Kontakt abbricht oder stark reduziert. Von Bedeutung ist also weniger, daß ein Elternteil fehlt, sondern warum er fehlt.
135.300 minderjährige Kinder wurden 1994 in Deutschland von einer Scheidung getroffen - das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Heidelberg, Würzburg oder Potsdam. Ulrich Schmidt-Denter und Wolfgang Beelmann haben psychische Auffälligkeiten von Scheidungskindern erfaßt - 10, 25 und 40 Monate nach der Trennung der Eltern.
Eine erste Auswertung (Grafik im Kasten links) zeigte eine große Verbreitung von Kontaktangst (58 Prozent) und unangepaßtem Sozialverhalten (56 Prozent) kurz nach der Trennung. Dennoch sind die Ergebnisse scheinbar auch positiv: Die Belastungen ließen im Lauf der Zeit deutlich nach. Mittelwerte können täuschen. Eine mathematische Cluster-Analyse ergab hingegen, daß 48 Prozent der Kinder keinerlei Linderung ihrer psychischen Störungen erfahren hatten. Besser ging es lediglich den anderen 52 Prozent, bestehend aus Kindern, die sich erholt hatten, und anderen, die von vorneherein geringer belastet waren (vgl. Grafik rechts).
Schmidt-Denter und Beelmann untersuchten, worin sich die Hochbelasteten von den anderen unterschieden. Ergebnis: eine negativ erlebte Beziehung zum getrenntlebenden Vater, ungelöste Trennungsprobleme der Eltern sowie - manchmal - eine schnelle neue Partnerschaft der Mutter. Zudem waren die Kinder im Durchschnitt jünger.
Ein ebenso düsteres Bild erbringt die Untersuchung von Anneke Napp-Peters. Bei der ersten Befragung Anfang der achtziger Jahre hatten sich 22 Prozent der Kinder als verhaltensgestört erwiesen. 12 Jahre später war es nur wenigen von ihnen gelungen, ihr Leiden abzulegen. Doch weitere 31 Prozent, die bei der ersten Untersuchung nicht aufgefallen waren, zeigten nun deutliche Störungen. So kommt auch Napp-Peters auf eine Scheidungsgeschädigten-Quote von rund 50 Prozent.
Kinder ohne Mütter: Da die Hamburger Soziologin auch Scheidungsfamilien untersuchte, bei denen die Kinder beim Vater leben, konnte sie ein schiefes Bild von der Bedeutung des Eltern-Geschlechts zurechtrücken: Kinder ohne Mütter - gleich ob Jungen oder Mädchen - sind ebenso oft geschädigt wie Kinder ohne Väter.
Folgerung aus beiden Studien: Sich trennende Paare sollten - unabhängig von der Sorgerechtsregelung und notfalls durch Vermittlung eines neutralen Dritten - übereinkommen, den Kindern häufigen Kontakt zum nicht betreuenden Elternteil zu ermöglichen.
(c) Focus Verlag und Redaktion
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