EMMA März/April 1998, Seiten 24/25 [Leserbrief von Dr. Karin Jäckel an den SPIEGEL am Ende]
Warum sollten Frauen den "Spiegel" lesen - das fragen sich jetzt sogar die Redakteurinnen des Blattes. Droht eine Palastrevolution?
Das erste Heft des Jahres 1998 zeigt den - ironischen? - Blick des "Spiegel' ins nächste Jahrtausend: Da steht ein Mann auf der Spitze des Berges und leuchtet mit einer Kerze in die Finsternis. Hinterm Berg, fast verschwindend in den Kulissen, steht die obligatorische Blondine mit rausgestrecktem Hinterteil samt blondschöpfigem Sohn.
Deutsche Spießeridylle, die auch an der Elbe blüht. In der "Spiegel"-Zentrale sitzen: drei Chefredakteure - und keine Frau; elf verantwortliche Redakteure und keine Frau; 200 Redakteure insgesamt in Zentral- und Außenredaktionen - darunter 35 Frauen. Macht knapp jede sechste. Auf den untersten Etagen. Da sind sogar die gequoteten Parteien schon weiter.
Kein Wunder, daß es grollt zum Ende des Jahrtausends in dem 50jährigen Polit-Magazin. Eine Handvoll Verwegener unter den 35 würden gerne ein paar Millimeterchen weiterkommen in der hanseatischen Männerbastion. Ihnen paßt die selbstgefällige Old-boy-Berichterstattung und der "hämische Antifeminismus" des "Spiegel" einfach nicht mehr.
Also verfaßten zwei von ihnen, nämlich die Redakteurinnen Angelika Gatterburg und Marianne Wellershoff, ein "Spiegel"-internes Kritikpapier, und durchaus unter wohlwollender Ermutigung der Chefredaktion. Die Aufgabenstellung lautete: "Was wollen Frauen im Spiegel lesen - und was nicht?"
Heraus kam ein kluges Papier, in dem es nicht nur um mehr Leserinnen, sondern ganz einfach auch um besseren Journalismus geht. Denn die "Bonner Bubenspiele", die allmontaglich einvernehmlich die ersten 30 Seiten des Herrenmagazins füllen (Boss meets Boss) wirken eher "abschreckend" denn einladend.
"Die alte Spiegel-Gleichung, daß Politik = Bonn / Kanzler / Parteienkungel / Küchenkabinett sei, stößt bei Frauen auf Unverständnis bzw. Desinteresse", spotten die "Spiegel"-Frauen. "Politik wird erst dann interessant, wenn sie in ihren Auswirkungen auf den Bürger/die Bürgerin journalistisch vermittelt wird - und nicht als Bonner Hahnenkampf."
Verschärfend kommt hinzu, daß das weibliche Geschlecht in diesem Hahnenkampf überhaupt keine Rolle spielt. Entschieden fordern die Kritikerinnen darum mehr "Offenheit für eher latent gesellschafts-, sozial- oder kulturpolitische Themen, in denen der Strukturwandel der deutschen Gesellschaft bzw. der Wett journalistisch begleitet und reflektiert wird". Doch dann müßten die Macher eben eine Ahnung von dieser Welt haben, sie müßten aus ihren gläsernen Chefetagen herab und vom Pferd runter steigen.
Die "Männer-unter-sich-Atmosphäre" des Polit-Magazins hat Folgen, wissen die Nestbeschmutzerinnen: "Warum sollten Frauen ein Nachrichtenmagazin lesen, das so offensichtlich nicht für sie gemacht ist?" Und sie sagen unverblümt, daß diese Abwesenheit von Frauenthemen natürlich auch ganz einfach etwas mit der Abwesenheit von Frauen in der Redaktion zu tun hat. Gatterburg und Wellershoff fordern mehr Redakteurinnen und Ressortleiterinnen, damit die auch mal "unpopuläre Frauenthemen (wie 'Frauen in den Chefetagen') durchsetzen können". Ja, sie träumen sogar von "frauenspezifischen Titelthemen wie die Lage der Ossi-Frauen" (Was kein Problem sein dürfte. Die Frauen müßten sich nur ausziehen, dann landen sie schon auf dem "Spiegel"-Titel ...).
Und es kommt noch schärfer. Die "Spiegel"-Frauen bezichtigen die "Spiegel"-Männer nicht nur der Ignoranz, sondern sogar der offensiven Frauenverachtung. Sie finden es "auffällig, daß bei vielen aufgeheizten Themen, die Frauen beschäftigen - z.B. der Fall Weimar, sexueller Mißbrauch und die These vom "Mißbrauch des Mißbrauchs", Woody Allen contra Mia Farrow - der Spiegel dezidiert hämisch antifeministische Positionen vertritt."
Wohl wahr. Das ist auffällig. Und zwar schon, seit den Frauen wieder mal was auffällt. Also so seit anno 1971. Und seither wird auch der "Spiegel"-Ton von Jahr zu Jahr schriller.
Bonner Bubenspiele &
hämischer Antifeminismus
Und die Auflage bröckelt. Und die Konkurrenz gewinnt an Boden. Was eben nicht nur mit dem zu recht beklagten Fast-food-Journalismus zu tun hat, sondern auch damit, daß der Chef-Etagen-Journalismus der Midlifecriser Lichtjahre von der Lebensrealität der Menschen, und vor allem der Frauen, entfernt ist.
Nur, Kolleginnen, das ging natürlich zu weit. Ausgerechnet. Ausgerechnet Woody Allen, dieser Liebling des Feuilletons. Ausgerechnet der "Mißbrauch des Miß-
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brauchs", dieser Lieblingsslogan der Backlasher. Da habt ihr an die heiligen Kühe der Jungs gerührt. Das hätten wir euch vorher sagen können, daß das nicht durchgeht.
Klar, es sollte "keine Palastrevolution" werden. Könnt ihr euch auch gar nicht erlauben. Aber ein bißchen weniger Frauenhaß und ein bißchen mehr Professionalität, das könnte dem "Spiegel" in der Tat nicht schaden.
Doch das Imperium hat nichts zu verschenken. Es schlägt zurück. Am 11. November vergangenen Jahres veröffentlichte der "Spiegel" eine Titel-Geschichte über "Die vaterlose Gesellschaft", in der es den Geschlechtern um den "Kampf um Kind und Geld" geht. Diese Titelstory unterbot Gewohntes tief (siehe Emma-Pascha Matussek 1/98). Über larmoyante zwölf Seiten zeichnete der 43-jährige Spiegel-Autor Matussek (der "ganze Theken vollzuheulen pflegt über sein schweres Schicksal, seine schlimme Frau und das arme Kind") dort das selbstmitleidige Bild vom "Heer verzweifelter Väter", die diesen "Kriegsgewinnlerinnen von der Scheidungsfront" hilflos ausgeliefert seien. Für diese "Heulsusen der Spaßgeneration" seien Kinder nichts anderes als "Spekulationsobjekte mit sicherer Rendite". Versteht sich, daß 95 Prozent (!) aller Mißbrauchs-Beschuldigungen in Sorgerechtsprozessen "frei erfunden" sind.
Das saß. Nicht nur bei den Leserinnen. Denn die "Spiegel"-Frauen gehören natürlich genau zu dieser Sorte moderner, alleinerziehender Frauen. Die Wellen schlugen hoch in Hamburg. Vier Ausgaben später - solange hat es immerhin gedauert, bis das durch war - antwortete Sabine Kartte, "Spiegel"-Redakteurin und alleinerziehende Mutter, dem Kollegen Matussek. Unter dem Titel "Väter braucht das Land" setzte sie dem Reich der Phantasie des beleidigten Mannes die Realität der Arbeit der alleinerziehenden Mutter entgegen: "Die feministische Muttermacht ist ein Mythos, in Wirklichkeit haben allzu viele alleinerziehende Mütter einen schweren Stand im täglichen Überlebenskampf." Folge: eine Flut von Verleumdungsbriefen von Männern und ein erster Blick in den Abgrund. In einer NDR-Talkshow trifft die erstaunte Kartte auf Vertreter der Väter-Mafia, "ganz widerliche Kerle, die versuchen, Frauen Angst zu machen". Die Väter-Mafia triumphiert: eine solche Propagandaschrift wie die von Mit-Vater Matussek hatte sie schon lange nicht mehr.
Das Imperium
schlägt zurück:
Entlassung droht
Jetzt liegen die Karten auf dem Tisch und gibt es für die "Spiegel"-Frauen nur noch zwei Möglichkeiten: klein beigeben und wieder lächeln - oder weiter den aufrechten Gang üben. Der Druck ist groß. Seit einem "taz"-Bericht über die "Polemik im Herrenmagazin", in dem das Frauenpaper vom Sommer ausführlich zitiert wurde, sucht die Chefetage nach der Informantin. "Der Person soll gekündigt werden!' Und wer will sich schon kündigen lassen beim "Spiegel', wo es nicht nur ein ordentliches Gehalt und ein abgesichertes Prestige gibt, sondern auch ein Teilhabermodell, nach dem von jeder Million Profit die Hälfte in die Taschen der Angestellten fließt.
Daß ausgerechnet die Frauen im Herrenhaus an der Elbe aufmucken, ist neu. Wie stehen also ihre Chancen?
Diese Journalistinnen-Generation hat es nicht länger mit der grob eindeutigen Kriegsveteranen-Generation à la Augstein zu tun, sondern mit der wissend zweideutigen Post-68er-Generation. Das sind die Männer, die in ihren zwanziger und dreißiger Jahren mit der Frauenfrage verkehrten. Denn natürlich waren das die spannenderen Frauen. Und natürlich haben auch sie Federn gelassen. Und haben schon lange keinen Bock mehr darauf. Warum denn auch. Es geht ja auch so. Durchziehen. Einschüchtern. Lächerlich machen. Und, wenn's gar zu lästig wird: eine Jüngere nehmen.
Diese Söhne wissen mehr von den Frauen als ihre Väter. Die Frauen haben es ihnen schließlich selbst vermittelt. Und sie kriegen jetzt die Quittung. Backlash-Artikel am laufenden Meter, in denen immer wieder erzählt wird, wie cool es ist, wenn ein (sozialer) Vater wie Woody Allen von seiner minderjährigen Tochter Pornofotos macht und sie dann auch noch heiratet; und wie nervig, wenn Mütter, diese "skrupellosen Abzockerinnen", an die Pflichten der Väter erinnern.
Heute ist jeder sechste "Spiegel"-Redakteur eine Frau. Brächte es Fortschritte, wenn es mehr wären? Nicht automatisch. Denn es käme ja auch noch darauf an, was das für Frauen sind. Frau sein allein genügt nicht, wie wir auch aus leidvoller "Spiegel"-Lektüre wissen. "Das Problem ist ja nicht, daß Aust keine Frauen einstellen will. Frauen stellt er sogar besonders gerne ein..."
Das Problem ist die Macht. Das Problem sind die Privilegien. Das Problem ist die Angst. Die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Die Angst, nicht mehr geliebt zu werden. - Mal sehen, wie es weitergeht im Herrenhaus an der Alster. Auch ohne Interna werden wir das erfahren. Montag für Montag.
Dr. Karin Jäckel * Autorin *
Hansjakobstr.5 * 77704 Oberkirch Tel. 07802-90409 * Fax - 3707 * karin.jaeckel@t-online.de
Stefan Aust
DER SPIEGEL
im Herrenhaus an der Alster
20457 Hamburg
Oberkirch, 3.3.98
Betreff: EMMA 2/98 und der "Aufstand der Frauen?" in "Die SPIEGEL-Story"
Sehr geehrter Herr Aust,
wie erfreulich, daß es EMMA und ihre Informatinnen bei DER SPIEGEL gibt!
Ohne sie wüßte frau ja gar nicht, was im "Herrenhaus an der Alster" so alles los ist. Wie da die "Buben" von gestern, die in glücklicheren 68er Jahren statt mit leibhaftigen Frauen "mit der Frauenfrage verkehrten" und heute in "gläsernen Chefetagen" sitzen, "Lichtjahre von der Lebensrealität der Menschen" entfernt, als "Midlifecriser" zu "Frauenverächtern" wurden. Und wie diese "Backlasher" mit den wunderbaren "modernen, alleinerziehenden SPIEGEL-Frauen" um "heilige Kühe" streiten. Streiten, obwohl diese SPIEGEL-Frauen eine "Handvoll Verwegener" sind, die das Patentrezept zur Rettung der "bröckelnden Auflagen" haben. Emma sei Dank, daß frau nun endlich weiß, wie mutterseelenallein die armen SPIEGEL-Frauen ohne jede "feministische Muttermacht" gegen eine "Väter-Mafia" aus "ganz widerlichen Kerlen, die versuchen, Frauen Angst zu machen" ankämpfen müssen.
Und abermals EMMA sei Dank, daß frau nun endlich aufgeklärt ist! Ohne EMMA wüßte frau ja bis heute noch nicht, was frau zu lesen und welche "leidvolle Lektüre" sie zu boykottieren hat.
Vor allem aber wüßte frau noch immer nicht, wie Frauen sein müssen, auf die es ankommt. Genau so nämlich, wie die SPIEGEL-Frau, die in schwesterlicher Nächstenliebe für EMMA gehandelt hat. Aufrechten Ganges und ohne Angst davor, "Macht" und "Privilegien" zu verlieren, ohne "Angst, nicht mehr dazuzugehören" und "nicht mehr geliebt zu werden". WOW!
Nicht zuletzt hat EMMA die wahrhaft bedrohliche message entlavt, daß die SPIEGEL-Männer "Söhne" sind, die "mehr von den Frauen als ihre Väter wissen".
Damit frau ihr EMMA-Superweib-Vorbild vielleicht auch mal so nett abkonterfeit sehen könnte wie zum Beispiel "Vater Matussek" und "Mutter Kartte" wäre es sehr wünschenswert, wenn die SPIEGEL-Männer ihr Wissen nutzen und den "Kuckuck im eigenen Nest" finden würden. Vor allem die Frauen, die selbst denken, selbst ihre Lektüre auswählen und lesen, warten darauf.
Mit freundlichen Grüßen
Karin Jäckel