Von der DIALOG-Fachtagung bis zur Veröffentlichung der Dokumentation ist nun fast ein Jahr vergangen, in dem sich immerhin verschiedene Änderungen im Kindschaftsrecht ereignet haben. Trotzdem sind unsere Erkenntnisse noch immer hochaktuell und nicht ganz im Kindschaftsrecht umgesetzt worden. In unserem Bemühen, vorliegende Erkenntnisse öffentlich zu machen und alle Fachbeiträge hier vorzustellen, lassen wir nicht nach ...
Wissenschaft und Lehre sollte für jeder Person frei zugänglich gemacht werden, um miteinander im Dialog zu treten, voneinander zu lernen und miteinander humanere Umgangsformen für unsere betroffenen Kinder und Eltern zu entwickeln. Denn Eltern bleiben wir für unsere Kinder ein Leben lang, auch wenn wir als Eltern in einer neuen Paarbeziehung stehen.
Die Fachtagung am 3. und 4. Mai 1997 wurde von ca. 130 Personen besucht. Die damit verbundene Benefizgala besuchten ca. 200 Personen.
Mit der Tagung verfolgten wir mehrere Ziele:
Der Vorstand und Beirat bedankt sich nochmals bei allen Referenten/Innen, bei allen Künstlerinnen, allen Künstlergruppen; Buchautoren/INNEN und bei allen Vereinen, die zum Gelingen der Fachtagung und Benefizveranstaltung beigetragen haben, paPPa.com möchten wir nochmals hervorheben.
Besonders möchten wir hier unsere Sponsoren der Benefizveranstaltung herausheben und unseren Dank aussprechen ... herzlichen Dank an:
Alle Referate, die wir im Internet vorstellen, sind von Tonträgern übertragen worden. Hier die erste Abschrift:
Kurz- und langfristige Folgen aus
Trennung und Scheidung
Dr. phil. Anneke Napp-Peters (seit 16 Jahren als
Familien- u. Jugendsoziologin tätig. Z. Z. Folgestudie (DFG
-Forschungsprojekt) zu 150
Nachscheidungsfamilien aus drei Bundesländern, die vor 12
Jahren zuerst erhoben wurden.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder !
Ich begrüße Sie zu der Fachtagung des DIALOGS
Eltern bleiben Eltern ... Familie in der Krise?
Wir wollen uns mit den Folgen von Trennung und Scheidung beschäftigen, vor allen Dingen für die Kinder. Und wir wollen darüber nachdenken, wie Kinder die Scheidung ihrer Eltern besser bewältigen können, vor allem aber, was geschehen muß, damit Kinder durch Scheidung nicht den Kontakt zum anderen Elternteil verlieren.
Anhand meiner Forschungsergebnisse zu 150 Scheidungsfamilien, die ich im Rahmen einer Langzeitstudie über einen Zeitraum von 12 Jahren begleitet habe, will ich Ihnen im folgenden darlegen, welche Auswirkungen der fehlende Kontakt zum nichtsorgeberechtigten Elternteil für die Entwicklung von Kindern hat.
Als ich 1979 mit der Studie begann, oder zumindest mit den Vorbereitungen für diese Studie, war noch wenig darüber bekannt, wie Menschen emotional mit einer Scheidung fertig werden und vor allem auch, welche sozialen Folgen diese Scheidung für die Betroffenen hat. Die vorherrschende Meinung war, daß eine Scheidung eine vorübergehende Krise darstellte, die nach einiger Zeit von selbst überwunden werde. Damals drehte sich die Fachdiskussion vor allem darum, wie entscheidend die ersten 1 bis 2 Jahre nach einer Trennung für die Familienmitglieder sind, und die meisten Sozialpädagogen und Therapeuten waren der Meinung oder waren zuversichtlich, daß sie in der Lage seien würden, die Scheidung hinter sich zu lassen und ihr Leben produktiv zu gestalten.
Meine Untersuchungsergebnisse aus der ersten Erhebungsphase zu 1980/81 machten jedoch deutlich, daß die Scheidung für alle Betroffenen, Eltern wie Kinder, eine ernstzunehmende traumatische Erfahrung darstellt. Die meisten der 269 Kinder aus unserer Studie erlebten die Scheidung ihrer Eltern als einen schweren Einbruch in ihre Lebenswelt. Dieser brachte sie vorübergehend aus dem Gleichgewicht und verlangte von ihnen grundlegende Umstellung. Typische unmittelbare Reaktionen auf die Scheidung waren Trennungsängste, Depressionen und Schuldgefühle. Bei einigen Kindern zeigten sich diese in einem aggressiven Verhalten, in häufigen Wutanfällen oder auch im Lügen. Jedes 5. Kind reagierte auf die Trennung der Eltern mit Sprachstörungen, Hautausschlag oder Darmstörungen.
Die mit der Scheidung verbundenen Erfahrungen wirken sich bei Kindern verschiedener Altersstufen unterschiedlich aus. Auf diese Unterschiede werde ich später näher eingehen. Zwar klingen die Symptome in der Regel nach 1-2 Jahren ab, wenn das Kind sich auf die neue Familiensituation eingestellt hat. Entscheidend für seine weitere psychosoziale Entwicklung und für seine emotionale Stabilität ist jedoch der kontinuierliche Kontakt des Kindes zu beiden Eltern. So konnten wir feststellen, daß bei Kindern, die den Kontakt zum getrenntlebenden Elternteil nach der Scheidung verloren hatten, Verlustängste und Verhaltensauffälligkeiten allgemein am ausgeprägtesten waren. Kinder dagegen, deren Eltern es gelungen war, auch nach der Trennung ihre Elternrolle gemeinsam oder in Absprache miteinander wahrzunehmen, hatten die wenigsten Schwierigkeiten sich auf die veränderte Familiensituation einzustellen.
Kontinuierliche Familienbeziehungen sind aber nicht nur für das Kind wichtig, auch der Elternteil, der den Familienhaushalt verläßt, ist auf regelmäßige Kontakte zu seinen Kindern angewiesen. Diese helfen ihm sich seiner elterlichen Identität zu versichern und seine oft angeschlagene emotionale Stabilität wiederzuerlangen. Wir haben Eltern getroffen, deren Gesundheitszustand und psychisches Wohlbefinden über einen langen Zeitraum sehr beeinträchtigt waren. Und die, obwohl sie es damals waren, die die Scheidung gewollt und auch eingereicht hatten, noch sehr lange unter Trennungsfolgen zu leiden hatten.
Wie unterscheiden sich nun Jungen und Mädchen? Gibt es Unterschiede in der Reaktion? Die Jungen unserer Untersuchungen schienen für viele Arten von Streß anfälliger zu sein als die Mädchen. Sie litten häufiger unter Schulängste und hatten mehr Lernschwierigkeiten. Bei meinen Untersuchungen konnte ich auch beobachten, daß Jungen und Mädchen ihre Gefühle verschieden ausdrücken. Mehr Jungen als Mädchen reagierten auf die Scheidung der Eltern mit einem destruktiven antisozialem Verhalten, einige störten in der Schulklasse, waren aggressiv oder gar gewalttätig, andere hatten Konzentrationsschwierigkeiten und gebärdeten sich hyperaktiv. Doch es gab auch Jungen, die sich von ihrer Umwelt abkapselten, sie zogen sich von ihren Freunden zurück, gaben Aktivitäten auf, die ihnen vorher viel bedeutet hatten und verbrachten stattdessen die Zeit allein in ihrem Zimmer. Mädchen dagegen behalten in der Regel ihre Gefühle für sich. Bei den meisten Mädchen verschlechterte sich in der ersten Erhebungsphase die Schulleistungen nicht, so daß sie seltener eine Klasse wiederholen mußten als Jungen. Von außen erweckten sie oft den Eindruck, als könnten sie mit der Scheidung der Eltern gut umgehen und machten mehr Anstrengungen, sich der veränderten Familiensituation anzupassen. Sie entwickelten früh die Fähigkeit, die Perspektive Erwachsener zu verstehen und wurden auch mehr und verantwortlicher als Jungen zur Arbeit im Familienhaushalt herangezogen. Aber die Gefühle von Traurigkeit und schmerzlichem Verlust und Verlassenheit nagen an ihnen und zeigen sich meist in ihrem Verhalten, wenn sie die Akkreszenz erreicht haben. Das Mädchen ihre Empfindungen häufig vergraben, auch um den Elternteil, bei dem sie aufwachsen, nicht zu verletzen, konnte ich nach 12 Jahren feststellen. Gerade Mädchen, die noch sehr jung waren als ihre Eltern sich scheiden ließen und die mit der Scheidung zugleich den Kontakt zu einem Elternteil verloren hatten, sind besonders gefährdet. Sie haben oft keine Erfahrungen im Umgang mit einem liebevollen Vater und darum weniger Möglichkeiten, die sozialen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen zu erwerben, die notwendig sind, um Beziehungen zu Jungen und Männern angemessen zu gestalten. In vielen Fällen sind ihre Erinnerungen an Männer mit Ängsten und mit einem Gefühl der Ablehnung verbunden.
Welchen Einfluß hat nun die Form, die die Familie nach der Scheidung annimmt, auf die Bewältigung der Scheidung? Für einige Kinder besteht nach der Scheidung das Familiensystem aus einem mütterlichen und einem väterlichen Haushalt. In einer solchen binuklearen Familie, oder auch in einer Familie mit zwei Haushaltskernen, lebte vor 12 Jahren gut ein Viertel der Kinder unserer Untersuchungsgruppe. Die Beziehungen, die zwischen den zwei Elternhaushalten bestanden, waren ebenso vielfältig wie die zwischen den geschiedenen Partnern. Einige Eltern unterstützten sich gegenseitig und waren in der Lage, die Partnerebene von der Elternebene zu trennen und ihre Beziehung vor allem auf das Kind auszurichten. Sie mochten immer noch Zorn und Enttäuschung empfinden, konnten sich aber als Eltern gegenseitig respektieren. Diese Eltern haben sich gegen soziale Diskriminierung aufgrund ihrer veränderten Familiensituation zur Wehr gesetzt und ihre Scheidung eher als eine Reorganisation denn als eine Desorganisation, also eine Auflösung ihrer sozialen Beziehung verstanden. Sagt dies auch nichts über das Ausmaß ihrer emotionalen Betroffenheit aus, so ist es doch ein Zeichen dafür, das sie diese und ihr Verantwortungsgefühl als Eltern auseinander halten konnten.
Anderen Eltern gelang dies nicht, sie brauchten feste Regeln und Vereinbarungen um als Eltern miteinander umgehen zu können. Und noch andere konnten trotz aller Absprachen und aller guten Vorsätze ihre Kränkung nicht überwinden. Zitat: Noch sehr lange nachdem wir uns getrennt hatten, war ich ziemlich gegen meinen Mann eingenommen, und es gelang mir nicht immer, dies vor den Kindern verborgen zu halten. Es waren schlimme Sachen passiert, und mein geschiedener Mann hatte mich zuletzt so schlecht behandelt, daß ich seine Anwesenheit einfach nicht ertragen konnte, auch wenn er nur kam um die Kinder abzuholen. Als mir der berufliche Wiedereinstieg geglückt und ich wieder etwas zur Ruhe gekommen war, sah ich ein, das die Kinder ihren Vater immer noch lieben und unter der Trennung von ihm sehr leiden. Ich habe daraufhin meine Haltung geändert und mich um den Kontakt bemüht. Aber dafür war es inzwischen zu spät. Mein Mann ist nach B. gezogen, hat wieder geheiratet und kommt nur noch selten. Zitatende. Dies sagte uns eine Mutter von 2 Kindern aus der 1. Erhebungsphase.
60 % der Kinder aus unserer Studie wuchsen nach der Scheidung in einer Einelternfamilie auf, in der ein kontinuierlicher Kontakt zum nichtsorgeberechtigten Elternteil für mehr als die Hälfte der Kinder nicht mehr vorhanden war. Nachscheidungsfamilien, in denen sich der mit dem Kind lebende Elternteil wiederverheiratet hat, werden in der Fachliteratur Stieffamilien genannt. Ich verwende für die neue Familie den Begriff "Mehrelternfamilie", da dieser die strukturellen Merkmale besser kennzeichnet, und da außerdem das Präfix "Stief" mit negativen Assoziationen besetzt ist, und mit gesellschaftlichen Vorurteilen belastet. Man denke nur an den Mythos von der bösen Stiefmutter oder Begriffe wie stiefmütterlich, wenn von Vernachlässigung die Rede ist. Darüber hinaus läßt sich die Familiensituation nach der Scheidung mit dem Begriff "Mehrelternfamilie" flexibler definieren.
In der 2. Erhebungsphase nach 12 Jahren lebten in 40% der Nachscheidungsfamilien unserer Studie neue Partner der Eltern in der Familie. Und zwar durchschnittlich schon seit 11 Jahren. Sie haben das Aufwachsen der Kinder zum Teil aktiv begleitet und auch unterstützt. Aber welche Rolle haben die außerhalb lebenden Eltern in diesen Familien werden sie in die Erziehungsverantwortung mit einbezogen, und können die Kinder offen ein intensives emotionales Verhältnis zu ihnen leben? Während in der 1.Erhebung noch 27% der Eltern im Interesse ihrer Kinder kooperierten, fällt dieser Anteil mit 20% in der 2. Erhebung nach 12 Jahren deutlich niedriger aus. Nur bei jeder 5. Familie besteht noch Kontakt und ein gelegentlicher, in einigen Familien auch regelmäßiger Austausch unter den geschiedenen Eltern.
Bei der Auswertung des Forschungsmaterials habe ich die Einelternfamilien und die Mehrelternfamilien der Stichprobe danach unterschieden, ob sie den außerhalb lebenden nichtsorgeberechtigten Elternteil in das Familienbild und in die sozialen Kontakte der Familie integriert haben, oder ob sie ihn ausgrenzten. Wie verschieden die Lebenswelten sind, in denen sich das Kind nach der Scheidung zurechtfinden muß, und welchen Einfluß die familale Lebenswelt darauf hat wie das Kind die Scheidung bewältigt, will ich Ihnen im folgenden anhand von Zitaten der Betroffenen und an meinen Forschungsergebnissen darlegen. Aus Zeitgründen beschränke ich mich dabei auf die Darstellung der Mehrelternfamilie, deren Stiefelternproblematik noch viel zu wenig Aufmerksamkeit von der Fachöffentlichkeit erhält. Auf die Besonderheiten der Einelternfamilie nach Scheidung werde ich aber in der abschließenden Diskussion auf die Kinder noch eingehen.
Für die meisten Menschen ist das Leben in der Familie ein fester und wesentlicher Bestandteil ihres Lebensentwurfs. Unvorhergesehene Ereignisse wie etwa der frühzeitige Tod eines Elternteils, oder eines Kindes, Arbeitslosigkeit, Invalidität, aber auch wie im vorliegenden Fall Scheidung und die oft schwierige Gründung einer neuen Familie werden als besondere Schicksalsschläge, oder als individuelle Probleme gesehen und erlebt, für deren Bewältigung es keine allgemeingültigen Verhaltensmuster gibt, sondern für die jeder selbst eine Lösung finden muß. Eine der häufigsten Strategien in Mehrelternfamilien ist es nun , so zu tun, als wäre man eine ganz normale Familie aus Mutter, Vater und gemeinsamen Kindern. Die Kinder werden aufgefordert, den Stiefelternteil Mutter bzw. Vater zu nennen, und dieser hält es für seine Pflicht, von Anfang an auch elterliche Funktionen zu übernehmen. Häufig werden gerichtliche Namengebungen beantragt, viele Stiefeltern ziehen sogar die Adoption der Kinder in Erwägung, um sowohl rechtlich; als auch nach außen hin den Eindruck einer normalen Familie entstehen zu lassen.
Warum stellt die Orientierung am Leitbild einer normalen Familie für Mehrelternfamilien eine so große Verlockung dar? Viele Eltern aus der Studie quälte in der Zeit, in der wir sie als Alleinerziehende kennengelernt hatten, das Schuldgefühl, daß sie ihren Kindern keine intakte Familie bieten können. Mit der Aufnahme des Stiefelternteils in die Familie sollten nun alle Familienmitglieder, vor allem aber die Kinder, für dieses vermeintliche Defizit entschädigt werden. Dahinter steht die Vorstellung, in einer vollständigen Familie würde man mit allen Problemen leichter fertig werden, und es wird erwartet, daß die neue Familie sofort gut funktionieren und glücklich sein muß. Dieses Muß, was auch Druck und Zwang beinhaltet, wird als eine Art Wiedergutmachung an den Kindern gerechtfertigt. Die Strategie, die Besonderheiten der Familiensituation zu verdrängen, und die Normalität der Familienbeziehung zu betonen, verlangt von allen Familienmitgliedern, daß sie ihr Anderssein verbergen müssen. Fremdheitsgefühle müssen verleugnet werden, negative Gefühle werden aufgestaut. Oft schaffen sie sich durch plötzliche Aggressionsausbrüche oder durch anhaltende psychosomatische Beschwerden ein Ventil.
Zur Strategie, das Anderssein zu verbergen, gehört auch, durch Besuchserschwernisse und anderes den außerhalb lebenden Elternteil auf Distanz zu halten und aus dem Familiengeschehen auszugrenzen, was oft mit seiner Abwertung einhergeht. Gerade nach einer problematischen Scheidungsgeschichte passiert sehr häufig, daß der außerhalb lebende Elternteil vom geschiedenen Elternteil, aber auch von anderen Familienmitgliedern, wie etwa den Großeltern; abgewertet wird.
Wir kennen Bemerkungen, wie er hat sich nie um das Kind gekümmert, oder sie denkt nur an ihre berufliche Karriere - diese beschreiben solche negativen Bewertungen. Sie machen es dem Kind schwer, den Besuch beim außerhalb lebenden Elternteil unbelastet zu erleben oder auch nur den Wunsch zu äußern, den Vater oder die Mutter sehen zu wollen. Dem Stiefelternteil dagegen erleichtern sie es, sich als der bessere Vater oder die bessere Mutter zu fühlen und eine mögliche Rivalität zwischen sich und dem biologischen Elternteil abzuwehren. Gerne wird betont, wie schnell sich die Beziehungen normalisiert haben. Zitat Frau A.: Ja, der Rolf hat von Anfang an, der hat - glaube ich -nach 3-4 Wochen, Uschi, gesagt, und dann hat er Mama zu mir gesagt. Zitatende.
Zuweilen wird in dem angestrengten Bemühen um Normalität auch ein quasi biologischer Anschluß hergestellt, wie hier zwischen Stieftochter und Stiefvater. Zitat Frau A.: Wenn Bernd, das ist der Stiefvater, nicht da ist, dann brauche ich nur Bärbel zu fragen; sie hat am meisten von ihm, nicht die eigenen Kinder. Also das glaubt man nicht, von seinen ganzen Ansichten und so weiter, und seinem Lebensstil und allem hat die Bärbel am meisten von allen Dreien angenommen. Zitatende. Für die faktische Elternschaft gibt es in diesen Mehrelternfamilien keinen Begriff. Der Stiefelternteil wird als Vater oder Mutter verstanden, und auch so genannt, was seine Orientierung am Vorbild der biologischen Elternschaft entspricht. Er wird darin von seinem Ehepartner unterstützt. Die außerhalb lebenden Eltern der Kinder haben keinen Anteil am Familiengeschehen und sie werden nicht erwähnt.
Die Kinder tragen diesen Ausschluß des anderen biologischen Elternteils insoweit mit, als sie es nach einigen unglücklichen Versuchen aufgegeben haben, Wünsche nach Kontakten zu äußern. Zitat Rolf A.: Eine Zeitlang wollte ich meine Mutter sehen, jetzt will ich nicht mehr; meine Eltern haben mir erzählt, wie es meiner Schwester Maike gegangen ist, und dann hab ich mir überlegt, erst mal müßte ich sie suchen, wo sie überhaupt wohnt - dazu hab ich dann keine Lust gehabt, dann hab ich das aufgegeben. Zitatende. Wie Rolf müssen viele Kinder in diesen Situationen mit ihren Gefühlen und Zweifeln allein zurechtkommen; dies macht die Aussage von Frau A. deutlich, die mit ihrer Tochter aus erster Ehe, also mit Bärbel und den zwei Kindern ihres Mannes aus erster Ehe, mit Rolf und Maike zusammenlebt, und jeglichen Kontakt zu den außerhalb lebenden biologischen Eltern der Kinder abgebrochen hat. Zitat, Frau A.: Ich war die ganz treibende Kraft, und habe gesagt, nicht noch mal; ihr könnt mit mir alle machen was ihr wollt, auch wenn das zu Rolfs Wohl ist, ich mach das nicht noch einmal mit. Dieses Besuchsrecht - und wie Maike gelitten hat, das habe ich bei keinem Kind erlebt, das war so schlimm mit Maike, daß ich zu Rolf gesagt habe und auch zu Bärbel, wenn sie das gerne möchten, können sie das tun, wenn sie nicht mehr in unserer Gemeinschaft wohnen. Wenn sie eine eigene Wohnung haben, dann können sie von mir aus Kontakt zu ihrem anderen Elternteil aufnehmen, aber so lange ich direkt davon betroffen bin, gibt es das einfach nicht mehr. Weil - das könnte ich einfach nicht noch mal durchstehen. Zitatende.
Kinder wie Maike wiederum leiden einerseits unter der mütterlichen Zurückweisung, ebenso sehr aber darunter, daß über die verdrängte Vergangenheit in der Familie nicht gesprochen werden darf. Dies löst Spannungen aus, belastet aber auch die Beziehungen der Kinder zu anderen Menschen. Der folgende Ausschnitt aus dem Interview mit Maike A. zeigt, wie lange leidvolle Erfahrungen nachwirken, gerade wenn sie wie hier verdrängt wurden, und wie sehr sie die spätere Identitätsfindung des Kindes belasten.
Interviewerin: Haben Sie denn noch Erinnerungen an die Zeit?
Maike A.: Ich habe eigentlich viel verdrängt, das kommt erst jetzt alles hoch. Ich habe mich gerade von meinem ehemaligen Partner getrennt, und das kommt jetzt da alles voll mit rein, nachts in den Träumen und so. Also das ist furchtbar (lacht) also das ist nicht so gut, aber naja.
Interviewerin: Was kommt mit rein, ich versuch das zu verstehen?
Maike A.: Ich weiß das eigentlich selbst nicht so genau. Es ist so, daß ich oft so aufwache, schweißgebadet, und dann war irgend etwas, und das ist dann auch wieder vorbei. Oder dieses Zähneknirschen und all so´n Kram, da ist wohl noch viel von damals mit drin.
Interviewerin: Haben Sie denn damals auch Zähneknirschen und so etwas gehabt?
Maike A.:Nee, damals hab ich immer das mit dem Spucken gehabt, daß ich mich da so furchtbar übergeben habe und solche Sachen.
Interviewerin: Wie alt waren Sie damals?
Maike A.:8 oder 9, ich weiß nicht mehr genau.
Interviewerin: Wie sehen Sie denn Ihre Mutter?
Maike A.:Also ich hab kein gutes Bild von ihr; ich denke sie hat uns alle verlassen damals. Und jetzt hat sie wieder einen Mann und wieder 2 Kinder, und vielleicht wenn die älter sind dann sagt sie wieder, also ich hau jetzt ab und such mir wieder einen anderen Mann, oder so. Und das finde ich irgendwie nicht gut. Ich denke, man soll auch zu seinen Kindern stehen, aber es gibt eben viele Familien, wo das so ist. Mich hat das damals sehr belastet. Es gibt ein Buch, da ist der Vater das absolute Ungeheuer, und nur die Männer sind schlecht und es sind immer die Väter, die ihre Frauen betrügen und die ihre Kinder verlassen. Und das es auch umgekehrt ist, daß hat mich damals ziemlich wütend gemacht; das fand ich immer furchtbar. Ich habe zu Frauen eigentlich ein ziemlich gestörtes Verhältnis, also ich habe auch keine Freundin, sondern nur Freunde."
Bei diesen Mehrelternfamilien, die sich als Normalfamilien verstehen, war ein Leben des Kindes in Zwei-Elternhaushalten von vornherein ausgeschlossen. Der Kontakt zum außerhalb lebenden Elternteil stand zunächst unter strikten Abmachungen und es wurde später ganz abgebrochen. Der außerhalb lebende Elternteil wurde meist nicht nur bewußt ausgegrenzt sondern auch abgewertet. Die Kinder stellt der Verlust von Elternbeziehungen vor besondere Probleme, die in psychischen Verletzungen und in Schwierigkeiten mit der eigenen Identität ihren Ausdruck finden. Bei diesen ausgrenzenden Mehrelternfamilien wird also bewußt nicht in biologische und soziale Elternschaft differenziert. Vielmehr arbeiten Eltern und Stiefeltern darauf hin, dem Stiefelternteil durch Adoption den vollen rechtlichen Elternstatus zu geben. Zitat Herr A.: Unsere Absicht ist also, daß wir unsere im Moment noch eigenen Kinder gegenseitig adoptieren wollen oder werden, so daß praktisch die Kinder sich von ihren jeweiligen anderen Elternteilen ja scheiden lassen können oder auch scheiden lassen./Zitatende.
Die Stiefelternadoption scheint bei diesen Mehrelternfamilien ihrer Konzeption von familiärer Zusammengehörigkeit entgegen zu kommen und ihrem Bedürfnis nach Annäherung an die Normalfamilie zu entsprechen. Aber welche Rolle haben die außerhalb lebenden Eltern noch in diesen ausgrenzenden Familien? Angaben über die nichtsorgeberechtigten Eltern waren in den meisten Familien nur schwer zu erlangen. Sie stützten sich zum Teil auf die Aussagen der geschiedenen Partner bei denen die Kinder aufwuchsen und auf die Kinder selbst. Darüber hinaus ist es uns gelungen, mit einigen der nichtsorgeberechtigten Eltern aus diesen ausgrenzenden Mehrelternfamilien zu sprechen. Sie haben, wie die überwiegende Mehrheit der ausgegrenzten Eltern seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren geschiedenen Partnern und haben auch mehrheitlich den Kontakt zu ihren Kindern aus dieser Ehe verloren. Zitat: Ich wollte damals nur eins; mit diesem Mann irgendwo eine anständige und einvernehmliche Trennung. Und vor allem wollte ich, das Nicole nicht mit in diese Trennung hereingezogen wird. Das war für mich im Grunde primär. Und mein Mann ließ dann vom Notar eine Gütertrennung und eine Besuchsregelung aufsetzen, und wir haben uns dann im Vertrag vor dem Notar verpflichtet, daß derjenige, der kein Sorgerecht bekommt, ein 14-tägiges Besuchsrecht und die Hälfte der Ferien erhält und jederzeit auch Zugang zum Kind hat. Und mir ist dann ein Satz zum Verhängnis geworden, der stand darunter und zwar Diese Regelung tritt nur in Kraft, solange das Kind Nicole sein Einverständnis gibt. Ich erhielt eine neue Anstellung und bin vier Wochen später nach Hamburg umgezogen, und damit fing die ganze Katastrophe an, weil ich denke, das mein Exmann da sah, daß ich nicht mehr zu ihm zurückkomme. Von diesem Zeitpunkt an wurde mir meine Tochter systematisch entfremdet, und zwar in einer Art und Weise, daß sie heute keinen Kontakt mehr mit mir wünscht. Zitatende. Das war eine nichtsorgeberechtigte Mutter von 44.
Viele nichtsorgeberechtigte Eltern haben die Erfahrung gemacht, von ihren Familien ausgegrenzt und bestraft zu werden, weil sie sie verlassen haben. Nur drei der befragten sorgeberechtigten Eltern aus diesen Mehrelternfamilien gaben an, daß sie ihren geschiedenen Partner noch gelegentlich sehen, meist eher zufällig auf der Straße oder bei Veranstaltungen. Immerhin wohnen bei gut einem Drittel dieser Familien beide geschiedene Eltern noch im gleichen Wohnbezirk oder Landkreis. Von gut der Hälfte der nichtsorgeberechtigten Eltern ist ferner bekannt, daß sie sich wieder verheiratet haben. 10% von ihnen in dritter Ehe. 7 der insgesamt 34 nichtsorgeberechtigten Eltern sind tot, und 3 haben sich das Leben genommen, und davon 2 unmittelbar am Tage der Ehescheidung. Zitat: Ich sehe meine Frau jeden Tag, weil sie ihr Pferd auf der Koppel gegenüber meinem Haus hat. Wir sprechen aber nicht miteinander, seit 15 Jahren nicht. Ich nenne es deshalb nicht Kontakt. Zitatende. Nichtsorgeberechtigter Vater von 58 Jahren.
Bei den Interviews mit den nichtsorgeberechtigten Eltern machten wir die Erfahrung, daß sich die Fronten zwischen den geschiedenen Ehepartnern in der Zwischenzeit so verhärtet haben, daß ein einfacher Kontakt oder ein Gespräch über die gemeinsamen Kinder für sie nicht mehr möglich ist. Bei einer Familie wurden Geschwister unter den geschiedenen Eltern aufgeteilt, was zur Folge hatte, daß zwischen den Kindern auch der Kontakt abbrach. Zitat: Gemeinsame Sorge wäre besser gewesen, ich fühle mich immer noch als Zahlvater, habe keinerlei Mitspracherecht. Das finde ich ungerecht. Meine Frau hat das Kind aufs Privatgymnasium geschickt, was ich nicht richtig fand. Seine schulischen Leistungen wurden da nicht besser. Ich habe den Jungen jetzt seit 2 ½ Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe ihm zum Geburtstag und auch zu Weihnachten geschrieben, keine Resonanz. Wir haben nur noch über Rechtsanwälte verkehrt, wenn es um Unterhaltszahlungen ging." Zitatende Nichtsorgeberechtigter Vater - 48 Jahre.
Die meisten befragten nichtsorgeberechtigten Eltern hätten sich gern mehr um ihre Kinder gekümmert und meinten, daß ein gemeinsames Sorgerecht für sie und ihre Kinder die bessere Lösung gewesen wäre. Wenn allerdings die Gräben so tief geworden sind, erscheint mir die Vorstellung einer praktizierten gemeinsamen elterlichen Sorge eher als Wunschdenken. Nur ein Vater hielt ein gemeinsames Sorgerecht nach der Scheidung nicht für durchführbar, weil zwischen den geschiedenen Ehepartnern zuviel Haß bestünde, um verantwortlich miteinander umzugehen. Ich habe mich oft gefragt, woran es liegen kann, daß so viele Eltern und Kinder unter dem Abbruch von Kontakten nach der Scheidung zu leiden haben. Die festgestellten Ausgrenzungsstrategien dieser Mehrelternfamilien allein reichen nicht aus, dies zu erklären.
Im Gespräch mit nichtsorgeberechtigten Eltern wird deutlich, daß die Weichen für den Kontaktabbruch oft sehr viel früher gestellt wurden, und zwar unmittelbar nach der Scheidung. Manchen nichtsorgeberechtigten Eltern kommt es dann so vor, als ob die Trennung für sie und ihre Kinder leichter zu ertragen wäre, wenn sie einfach wegblieben. Häufig haben sie das Gefühl, daß die Kinder wissen müßten, daß sie Interesse an ihnen haben, und das sie für sie da wären, wenn die Kinder sie nur wollten. Sie vermeiden es ihre Kinder zu sehen und nehmen ihr Besuchsrecht nicht oder nicht mehr regelmäßig wahr. Unterstützt wird dieses Verhalten vom sorgeberechtigten Elternteil, er rät nachdrücklich dazu und beruft sich dabei nicht selten auf den Rat eines Rechtsbeistandes, vom besuchen vorerst abzusehen, damit die Kinder Zeit haben, sich auf die neue Situation einzustellen, und die Realität der Trennung der Eltern zu akzeptieren. Kinder sehen das anders, da ihnen die Erfahrung und die Fähigkeit fehlt, das Verhalten ihrer Eltern im einzelnen zu verstehen, fühlen sie sich vom getrenntlebenden Elternteil im Stich gelassen. Wenn der Vater oder die Mutter fernbleibt, werten sie das als Zeichen dafür, nicht mehr von ihnen geliebt zu werden. Das führt zu einer psychischen Distanz zwischen Eltern und Kind, die sich auf weitere Kontakte entfremdend auswirkt. Wie unsere Studie deutlich machte, kann das angeschlagene Selbstwertgefühl eines Kindes bis ins Erwachsenenalter hinneinreichen. Zitat: Als meine Mutter sich mit dem Mann anfreundete, der später unser Stiefvater wurde, änderte sich vieles. Auf einmal drehte sich für sie alles um ihn, wir waren nur noch Luft für sie. Mein Stiefvater war für mich ein Eindringling in unser Familienleben, es war ein schwerer Schlag und bis heute kann ich ihn nicht ausstehen. Zitatende Jan F.,26 Jahre.
Für Scheidungskinder ist die Erfahrung der Wiederheirat oft sehr bedrohlich und mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden. Es fällt ihnen schwer, zu akzeptieren, daß ihre Eltern eine Liebesbeziehung zu einem neuen Partner aufgenommen haben und nicht mehr nur sie allein, sondern auch das der neue Partner jetzt wichtig ist. Sie fühlen sich zurückgesetzt, reagieren eifersüchtig und betrachten den neuen Partner als Konkurrenten um die Gunst ihrer Mutter oder ihres Vaters. Findet die Wiederverheiratung schon kurz nach der Scheidung statt, und leiden die Kinder noch unter dem Verlust des anderen Elternteils, sind sie wahrscheinlich nicht dazu bereit, einen neuen Erwachsenen in ihr Leben aufzunehmen. Zumal, wenn dieser Ersatz als Ersatz für den verlorenen Elternteil angeboten wird. Sie empfinden dies als Verrat am eigenen Vater oder an der eigenen Mutter, und befürchten zudem, nun auch den Elternteil, bei dem sie leben, zu verlieren.
In etwa der Hälfte der Mehrelternfamilien hat sich zwischen Stiefeltern und Stiefkindern keine tragende emotionale Basis entwickelt. Belastend sind vor allem anhaltende Spannungen und Streitereien, als deren Ursachen Autoritätsprobleme, gegenseitige Ablehnung, das Vorziehen von Halb- und Stiefgeschwistern, aber auch sexuelle Übergriffe und Alkoholismus genannt wurden. Stiefkinder haben oft eine Sündenbockfunktion, wenn die hochgespannten Erwartungen in die neue Familie enttäuscht werden, und Spannungen trotz aller Mühe um Normalität anhalten. Jedes 3. Kind in diesen Familien war körperlichen Strafen und groben Beschimpfungen ausgesetzt, auf die sie mit Verhaltensauffälligkeiten, wie Weglaufen, Stehlen, Drogenkonsum und psychosomatischen Beschwerden- bis hin zu Selbstmordversuchen reagiert haben. Etwa jedes 10. Kind hat die Schule geschmissen oder eine Berufsausbildung nicht beendet. Bei manchen diente der frühe Eintritt in das Erwerbsleben auch dazu, den Familienhaushalt endlich verlassen zu können, um finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.
Ich möchte noch einmal auf Familie A.. zurückkommen: Als ich Maike A. vor nunmehr 13 Jahren kennenlernte, war sie 11 Jahre alt, und machte auf mich den Eindruck eines freundlichen und gut angepaßten Mädchens. Sie hatte eine enge Beziehung zu ihrem Vater, mit dem sie die ersten drei Jahre nach der Trennung der Eltern allein zusammen gelebt hatte. Ihrem Vater war gerade nach langer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der geschiedenen Mutter auch das Sorgerecht für den jüngeren Bruder Rolf übertragen worden. Und als ich einige Wochen später wieder die Familie A. besuchte, um mit Herrn A. über ein vereinbartes Tagebuch zu sprechen, lebte bereits die neue Lebensgefährtin von Herrn A. und ihrer Tochter Bärbel in der Familie. Ich habe Familie A. also in einer Zeit kennengelernt, als sie sich gerade auf dem Weg von einer Einelternfamilie zu einer Mehrelternfamilie befand. Beide Partner machten sich damals sehr viele Gedanken, wie sie ihren Kindern helfen könnten die neue Familiensituation zu bewältigen. Sie vereinbarten eine Familientherapie, die sich über mehrere Jahre hinzog und in deren Mittelpunkt die Verhaltensstörungen des jüngsten Sohnes Rolf stand. Maike hatte sich von Anfang an um ein gutes Verhältnis zu ihrer Stiefmutter bemüht. Wie selbstverständlich übernahm sie die Rolle der ältesten Tochter und kümmerte sich liebevoll um die beiden jüngeren Geschwister. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Rolf kam sie in der Schule gut zurecht und hatte keine Leistungsschwierigkeiten. Wie es so oft nach der Scheidung bei Mädchen der Fall ist, die stark wirken, und mit der Situation gut zurechtkommen scheinen, geriet Maike mit 17 Jahren in heftige Konflikte mit ihrer Familie. Sie verabredete sich mit jungen Männern, die nach Ansicht ihres Vaters einen zweifelhaften Ruf hatten. Außerdem nahm sie heimlich Kontakt zu ihrer Mutter auf. Als die Mutter sich von ihr Geld lieh, und sie dazu bringen wollte, eine Bürgschaft für sie zu übernehmen, brach Maike aber den Kontakt zu ihr enttäuscht ab. Sie wechselte ihre Ausbildungsstelle, weil sie mit der weiblichen Ausbilderin nicht zurecht kam. Und zog, sobald sie volljährig war, von zu Hause aus. Einige Zeit lebte sie mit einem Freund zusammen, trennte sich aber wieder von ihm. Was Beziehung angeht, ist Maike auch heute mit 24 Jahren sehr mißtrauisch. Sie sagt mir im Interview, ich kann mir nicht vorstellen, daß mich jemand wirklich lieb hat. Wenn ich einen Mann kennenlerne, der sich für mich interessiert, denke ich immer, daß mit ihm irgend etwas nicht stimmen kann. Maike hat sich bisher von allen Freunden wieder getrennt, sobald die Beziehung ernster wurde. Wie viele Scheidungskinder hat sie wenig Selbstvertrauen und Angst davor betrogen und verlassen zu werden ... und daß sie deshalb auch nicht heiraten wolle.
Ängste vor Beziehungen und die Furcht, daß sich die elterliche Geschichte wiederholen könnte, quälen viele Scheidungskinder. Für die Mehrheit der befragten jungen Männer und für gut Zweidrittel der befragten jungen Frauen aus diesen Mehrfamilien hat die Scheidung der Eltern auch Auswirkungen auf die eigenen Partnerbeziehungen. Sie betrachten die Ehe oft als etwas Ungewisses, vor dem sie Angst haben, und daß sie unsicher macht. Einerseits sehen sie in der Ehe eine Möglichkeit, die Stabilität in ihrem Leben wieder herzustellen und zu sichern, anderseits machen sie sich Sorgen, daß ihre Ehe so auseinanderbrechen könnte, wie die ihrer Eltern. Von den verheirateten Kindern berichteten uns einige, daß sie immer noch Angst davor hätten, wieder verlassen zu werden. Andere dagegen gingen offensiv in die Ehe, sicherten sich durch Ehevertrag ab und schworen sich, daß ihre Ehe anders sein würde, und daß sie ihren Kindern nie antun würden, was ihre Eltern ihnen angetan haben. Optimistisch wenden sich diese erwachsenen Scheidungskinder wieder eher traditionellen Ansichten über Ehe und Familie zu. Sie glauben an Treue und eine Familie die zusammenbleibt, in der es Nähe und Beständigkeit gibt. Zitat: Familienleben bedeutet mir sehr viel und das wichtigste ist mir, daß mein Mann für die Kinder ein Vater ist. Das er mit ihnen spielt, all das macht, was ich nicht gehabt habe. Das über Gefühle offen gesprochen werden kann, zu Hause war nur Unruhe und Streit. Die einzigen Gefühle, die geäußert wurden, waren Tränen. Meine Kinder sagen, ich hab dich lieb. Zitatende. Marion G., 28 Jahre
Als wir die Kinder nach 12 Jahren wiedertrafen, waren aus ihnen junge Erwachsene geworden. Und ihre Bereitschaft an unserer Untersuchung teilzunehmen und über ihre Familiensituation und ihre persönlichen Schwierigkeiten offen zu sprechen, hat mich überrascht. Vielleicht hatten viele vorher noch nie eine Gelegenheit, mit einem interessierten und qualifizierten Gegenüber, ausführlich über ihre Schwierigkeiten zu sprechen, und waren daher so bereitwillig. Ich hatte mir bei den Vorbereitungen der 2. Befragung oft überlegt, was wohl aus den Kindern geworden ist, die es damals so schwer hatten die Scheidung ihrer Eltern zu bewältigen. Sind ihre Störungen inzwischen abgeklungen und ist es ihnen gelungen, ein erfülltes und produktives Leben zu führen, oder hat die Scheidung bei Kindern auch langfristige Auswirkungen? Mich interessiert ebenso, wie es den anderen Kindern ergangen ist, die wie Maike A. auf mich damals einen freundlichen und gut angepaßten Eindruck gemacht hatten. Sind auch bei diesen Kindern, die bei unserer ersten Erhebung noch unauffällig waren, zu einem späteren Zeitpunkt Störungen aufgetreten?
In unserer zweiten Erhebung konnte ich die Entwicklung von 36 der 59 Kinder mit anhaltenden Störungen aus unserer ersten Erhebung weiter verfolgen. Von diesen 36 Kindern haben es nur 9 Kinder, also 25%, geschafft, ihre scheidungsbedingten Schwierigkeiten zu überwinden, und sich zu lebenstüchtigen jungen Erwachsenen zu entwickeln. 27 Kinder, also 75%, haben dagegen noch nach wie vor große Probleme, den Alltag zu bewältigen und längerfristige Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte von ihnen hat Probleme mit Alkohol und Drogen, einige haben wegen Beschaffungskriminalität bereits vor dem Richter gestanden, andere sind bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in rechtsradikale Kreisen polizeilich aufgefallen. Eine junge Frau und ein junger Mann haben sich einer Sekte angeschlossen, jeder 3. hat keine abgeschlossene Ausbildung, macht Aushilfsarbeiten, oder ist arbeitslos gemeldet. Von ihren Eltern wurde etwa die Hälfte als aufsässig und destruktiv beschrieben, die übrigen als einsam, verschlossen und ängstlich.
Die meisten jungen Leute sprachen offen über ihre Kontaktschwierigkeiten, über ihre Bindungsängste und sexuellen Problemen. Sie machten auf uns einen depressiven und unglücklichen Eindruck. Keiner hatte Kontakt zu dem nichtsorgeberechtigten Elternteil, und auch die Beziehungen zu dem Elternteil, bei dem sie aufgewachsen sind, war angespannt und von vielen Konflikten belastet.
Fragt man, warum es nur den 9 Kindern gelungen ist, ihre scheidungsbedingten Schwierigkeiten zu überwinden, während die überwiegende Mehrheit aus dieser Gruppe nach wie vor unter den Folgen ihrer damaligen Familiensituation leidet, dann fallen zunächst Unterschiede beim Geschlecht auf. Während es sich bei den 9 stabilisierten Kindern um 5 junge Frauen und 4 junge Männer handelt, sind unter den 27 Kindern mit langfristigen Störungen 63% junge Männer, die bei der Scheidung ihrer Eltern noch unter 10 Jahre alt waren. Und in unserer ersten Erhebung unter extremen Anpassungsschwierigkeiten litten. Noch auffälliger sind die Unterschiede in der Familienform, mit 2 Ausnahmen sind alle 36 Kinder in Familien aufgewachsen, die den nichtsorgeberechtigten Elternteil ausgegrenzt hatten. Aber während die überwiegende Mehrheit der Kinder ihre Schwierigkeiten heute bewältigt haben, nach der Scheidung in einer Einelternteilfamilie lebte, und zwar 78%, wuchs die Hälfte der Kinder, deren Störungen nach wie vor andauern, in einer ausgrenzenden Mehrelternfamilie auf, die sich als Normalfamilie versteht. Die meisten waren zudem bereits in der Pubertät, als ihre Eltern sich wieder verheirateten. Die Mehrheit dieser Kinder hat schon sehr früh die elterliche Wohnung verlassen, bei einigen gibt es Angaben, die dafür sprechen, daß auch sie von den Eltern ausgegrenzt wurden, weil sie den Familienfrieden störten. Welches sind nun die Kinder, denen es trotz aller Widrigkeiten gelungen ist, die Scheidung ohne dauerhafte Folgen zu überwinden?
Vergleicht man die biographischen Profile der Kinder, so wird deutlich, das die Kinder, die ihr Leben in den Griff bekommen haben, dabei auf gute Kontakte zu ihren sorgeberechtigten Eltern und auf viele Unterstützung durch sie zurückgreifen konnten. Sie gehörten auch zu den Kindern, denen Außenstehende halfen, sich aus den Verwicklungen der Scheidung der Eltern zu befreien und sich auf die veränderte Familiensituation einzustellen. Wer also über ein stabiles Netz verläßlicher Beziehungen und Ansprechpartner in Notsituationen verfügt, hat es also deutlich leichter, die veränderte Familiensituation zu bewältigen. Der Verlust von Familienbeziehungen ist dagegen nicht nur die häufigste Folge der Scheidung, sondern zugleich auch die gravierendste Ursache für scheidungsbedingte Störungen bei Kindern.
Jungen und Mädchen reagieren zunächst unterschiedlich auf die veränderte Familiensituation, während in unserer ersten Erhebung vor allen Jungen nicht nur stärker, sondern auch anhaltender mit Problemverhalten reagiert hatten als Mädchen, eine Erfahrung, die im Einklang mit amerikanischen Untersuchungen steht, sind in der zweiten Erhebung nach 12 Jahren vor allen junge Frauen, die psychische Störungen aufweisen. Unter den 41 Kindern, die in den ersten Erhebungen keine Schwierigkeiten hatten, aber heute unter erheblichen Störungen leiden, sind 61% junge Frauen wie Maike A., die mit Identitätsproblemen und Beziehungsängsten zu kämpfen haben. Ebenso wie die jungen Männer, welche mit anhaltenden Störungen reagiert hatten, war auch die Mehrheit dieser jungen Frauen bereits in der Pubertät, als die sorgeberechtigten Eltern sich wieder verheirateten. Vor allem aber wuchsen die Kinder fast ausnahmslos in Familien auf, die den anderen Elternteil ausgrenzten. Die neue Heirat traf sie also in einer Lebensphase, in der Jugendliche die Beziehung zur eigenen Familie überprüfen und damit die Scheidungserfahrung wieder akut wird. Belastend wirkt sich zudem aus, daß sich die Mädchen meistens sehr viel enger an ihre alleinerziehenden Eltern angeschlossen hatten als die Jungen. Sie fühlten sich für das Wohl von Mutter oder Vater verantwortlich und kamen dadurch in ihrer eigenen Entwicklung häufig zu kurz. Besonders problematisch wurde es dann für sie, wenn sie bei der Wiederverheiratung des Elternteils die Rolle des Vertrauten verloren bzw. mit Stiefvater oder Stiefmutter teilen mußten. Rivalitäten waren hier praktisch vorprogrammiert und wurden durch ein aufsprengendes Familienmodell ganz offensichtlich noch verstärkt. Das Mädchen erst in einer späteren Altersphase, zumeist in der Adoleszenz, stärkere Beeinträchtigungen zeigten, spricht auch dafür, daß es sich hierbei um verzögerte Reaktionen der Mädchen handelt, die erst im Zuge von Entwicklungsveränderung im Jugendalter und in der Adoleszenz hervorbrechen. Also in einer Lebensphase, die auch eine neuerliche Auseinandersetzung mit der elterlichen Scheidung als Teil der eigenen Familiengeschichte naheliegen.
Was sagen uns die dargestellten Forschungsergebnisse über die Auswirkungen fehlender Elternkontakte bei Kindern? Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?
Ich meine, sie zeigen uns vor allem zweierlei: Zum einen, die Scheidung ist für die meisten Erwachsenen und für nahezu alle Kinder eine schmerzliche Erfahrung, unter der viele lebenslang leiden. Und zum anderen, nur wenige Eltern schaffen es von sich aus Zorn, Feindseligkeiten und Anschuldigungen zu überwinden; und nach der Trennung gemeinsame Elternverantwortung zu übernehmen. Aber nur wenn Eltern dies gelingt, haben Kinder eine gute Chance, die Scheidung psychisch gesund zu überstehen und nicht zu Scheidungswaisen zu werden. Um Ausgrenzungstendenzen entgegenzuwirken und Mehrelternfamilien und Einelternfamilien zu helfen, die Besonderheiten ihrer Familiensituation zu akzeptieren, benötigen Scheidungsfamilien fachliche Hilfe.
Ich halte es für notwendig, ein langfristig angelegtes Beratungskonzept für Scheidungsfamilien zu entwickeln, daß ihnen während und nach der Scheidung eine professionelle Scheidungsbegleitung zur Seite steht. Eltern sollten hier einen Ansprechpartner finden, der sie über Beratungsangebote und fachliche Hilfen informiert, und ihnen diese auch vermittelt und zugänglich macht. Sie benötigen Hilfe, um Entscheidungen über ihre Lebensform, die Besuchsregelungen und die Form des Sorgerechts zu treffen. Und ihnen muß auch geholfen werden, diese Entscheidungen in die Tat umzusetzen und zu modifizieren, wenn sie sich wiederverheiraten, wenn die Kinder älter werden und die Familie sich verändert. Ich meine, daß mit dem Angebot einer professionellen Scheidungsbegleitung sehr viel mehr Eltern fähig und auch bereit sein würden, nach der Scheidung im Interesse ihrer Kinder zu kooperieren, und die elterliche Sorge für das Kind gemeinsam wahrzunehmen.
Ich möchte aber betonen, daß gemeinsame Elternverantwortung nicht schon dadurch gewährleistet ist, daß Eltern die gemeinsame elterliche Sorge für das Kind gerichtlich zugesprochen wird. Vielmehr muß sie auf einer von beiden Eltern gemeinsam erarbeiteten Lösung beruhen, die meist nur auf dem Beratungsweg zu erreichen ist und mit der sich Konflikte und Schwierigkeiten auch langfristig eigenverantwortlich regeln lassen.
Als gesellschaftliches Massenphänomen ist die Scheidung, und sind vor allem die Scheidungsfolgen heute kein privates Problem mehr. Niemand kann Eltern die Entscheidung darüber abnehmen, welche Familienform sie nach der Scheidung wählen, aber zur Bewältigung der Scheidungsfolgen haben sie sehr wohl einen Anspruch auf fachliche kompetente Unterstützung und Beratung, die in einer schwierigen Umbruchzeit neue Perspektiven aufzeigen kann.
Ich danke Ihnen!
Für die Richtigkeit der Übertragung vom Tonträger: Steve Rockel, Auguststraß 3, D-45891 Gelsenkirchen, Tel. 0209-9243-832
Siehe auch weitere Mateialien zur Arbeit von Anneke Napp-Peters
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