Mathieu Carriére

Hamburg, 200606

Festung Deutschland

Sehr geehrte Frau Zypries,

auf den Knien meines Herzens flehe ich Sie an, die Kindschaftsrechts-Festung Deutschland aufzubrechen. Befreien Sie die 35 Millionen Betroffenen aus dem Ghetto, in welches diese seit Bestehen der Bundesrepublik abgeschoben werden. 5 Millionen Trennungskinder, jedes Jahr 230 000 mehr, 10 Millionen Trennungseltern, 20 Millionen Trennungs-Opas und-Omas leiden unter den Folgen unserer Rechtssprechung. Ganz zu schweigen von den auch betroffenen Geschwistern, Freunden, Partnern und Helfern, die den Mut, die Hoffnung und ihre Lebenslust verloren haben und dennoch weitermachen.

Schaffen Sie mit einem Federstrich den Paragraphen 1626 a BGB ab. Sie haben nichts zu verlieren. Alle werden gewinnen. Sie kriegen den Friedensnobelpreis, den sie allerdings mit Jürgen Rudolph teilen müssten.

Schaffen sie mit einem Federstrich die Gleichberechtigung von Vätern und Müttern, geben Sie unseren Kindern ihre Menschenrechte, welche das Grundgesetz und die UNO Charta fordern, und die Kuh ist vom Eis.

„Wer die alleinige Sorge anstrebt und einen Elternteil ausgrenzt mißbraucht sein Kind, mit verheerenden Folgen für die seelische Entwicklung dieser Kinder und für die ausgegrenzten Eltern.“

Wer trägt die Verantwortung für diesen staatlich verordneten Kindesmißbrauch? Für diesen Staatsterror? Sie, Frau Bundesministerin, natürlich nicht. Sie können ja nichts tun, denn „all das ist Ländersache.“ Da trifft es sich ja gut, daß die Föderalismusreform ins Haus steht.

Ende November 2003 wurde in Genf von hohen Israelischen und Palestinensischen Politikern, mit der Unterstützung von über 100 Präsidenten, Premierministern, UNO Vertretern und anderen Entscheidern, ein umfassender Friedensplan für den Nahen Osten und insbesondere für Palestina ausgehandelt. Mein gelegentlicher Schachpartner Otto Schily, Vater von zwei Töchtern und Ihr Mentor, sagte mir vor ein paar Jahren: „Es ist leichter im Nahen Osten Frieden zu schaffen, als in Deutschland den Finger in das Schlangennest Kindschaftsrecht zu stecken.“ Soll er Recht behalten?

Bereits am 12.12. 2003 fand in der französischen Botschaft in Berlin, auf Einladung des Botschafters, seiner Exzellenz Claude Martin, eine Veranstaltung mit dem Thema „Zerrissene Familien im vereinten Europa“ statt. Ziel dieser Veranstaltung war es, einen Friedensplan zu entwickeln, der die Familienpolitik-und -Rechtssprechung der europäischen Länder einander angleichen sollte. Die über 30 anwesenden Menschenrechtler, Konfliktforscher, Richter, Mediatoren, Anwälte, Betroffenen, Soziologen, Psychiater, Bindungsforscher und Kinderpsychologen waren sich einig: In Deutschland herrscht im Familienrecht „La loi de la jungle“ (Jaques Chirac). Leider konnten Sie bei der Veranstaltung nicht anwesend sein. Ihre Vertreter sahen keinen Handlungsbedarf. Schade.

In den Humanwissenschaften besteht heute Konsens über die Interpretation der
Forschungsergebnisse der letzten 50 Jahre, insbesondere über Folgendes:
Trennungskinder, deren Eltern kooperieren, deren Eltern das oberste Gebot nach
Trennung, nämlich Bindungstoleranz, beachten und gleichberechtigten Kontakt des
Kindes zu beiden Eltern leben, haben es besser. Sie werden zu leistungs-und
bindungsfähigen Erwachsenen, während bedauernswerte Opfer unserer
Rechtssprechung im Knast, in psychiatrischen Anstalten oder gar im Grab landen.
Sogar Immunsysteme entwickeln sich besser bei gleichberechtigten Kindern. Die
Untersuchung von Professor Proksch hat Ihr Ministerium selbst in Auftrag gegeben!

Ist es nicht entsetzlich, daß wir herausgefunden haben, daß die Erde rund ist und daß
Ihre Richter sie immer noch zu einem Teller breitschlagen? Warum werden diese
Forschungsergebnisse von den Richtern mehrheitlich ignoriert? Warum gibt es in
Deutschland keine spezifische n Qualifikationskriterien für Familienrichter? Deren
Urteile bestimmen Millionen Kinderschicksale. Warum werden diese Schicksalrichter
nicht angehalten, sich weiterzubilden? Warum nicht? Würden Sie Ihre Gebärmutter
von einem Arzt entfernen lassen, der auf dem Wissensstand von vor 20 Jahren operiert?

Sie kennen die Zahlen:

63 % aller jugendlichen Selbstmörder sind vaterlos oder müssen ihn entbehren.
70 % aller Jugendlichen in staatlichen Einrichtungen sind vaterlos oder müssen ihn
entbehren.
71 % aller schwangeren Teenager sind vaterlos oder müssen ihn entbehren.
71% aller Schulabbrecher sind vaterlos oder müssen ihn entbehren.
75 % aller Jugendlichen in Drogenentzugszentren sind vaterlos oder müssen ihn
entbehren.
85 % aller jugendlichen Häftlinge sind vaterlos oder müssen ihn entbehren.
90 % aller Ausreißer und aller obdachlosen Kinder sind vaterlos oder müssen ihn
entbehren.

Auf den Knien meines Herzens flehe ich Sie an: Helfen Sie uns. Sie sind eine Frau. Sie
sind Mutter. Sie haben die Macht zum Guten. Waschen Sie ihre Hände nicht in
Unschuld, sondern werfen Sie den ersten Stein! Gegen den Paragraphen 1626a BGB.

Mathieu Carriére

PS. Sehr dankbar bin ich Ihnen allerdings dafür, daß Sie unsere Aktion am Tag der
deutschen Einheit vor Ihrem Ministerium als „Effekthascherei“ bezeichnet und damit
aufgewertet haben. Denn dies geschah eine Woche nachdem der Kommandant von
Guatanamo, General Harris, den Selbstmord von drei arabischen Folteropfern als „PR
Aktion“ abqualifizierte.

Sie haben durch ihre Bemerkung, die sicher ironisch gemeint war, darauf hingewiesen,
daß auch im Kindschaftsrechtsbereich die Opfer zu Tätern gemacht werden. Ein
indoktriniertes und in die Elternentfremdung getriebenes Kind sagt: „Ich will meinen
Vater, meine Mutter nicht sehen“ und die Richter antworten ihm: „Tja, dann erfüllen
wir deinen Wunsch, selber schuld.“ Das Opfer wird zum Killer seiner Eltern gemacht.
Jesus ist übrigens wegen effekthascherischer Gotteslästerung liquidiert worden. Das
Opfer wurde damals schon zum Täter gemacht.

In der Tradition des Passionsspieles habe ich mich am Sonnabend, den 17. Juni, gegen

16.30 Uhr vor dem Bundesministerium für Justiz, in Berlin, kreuzigen lassen. Jesus amKreuz ist ein mächtiges Symbol für das Leiden am Verlassensein. Über 5 Millione n Trennungskinder in Deutschland fühlen sich verlassen. Über 50 % dieser Kinder haben ein Jahr nach der Trennung der Eltern keinen Kontakt mehr zum ausgegrenzten Elternteil. Ausgrenzung eines Elternteils aber ist Kindesmissbrauch, mit verheerenden Folgen für dessen Persönlichkeitsentwicklung.

Derartiges Leid zu verhindern, ist die Aufgabe des gesamten Volkes, insbesondere aber die Pflicht der betroffenen Eltern selbst . Aus der Freiheit, sich jeder Zeit trennen zu können, resultiert die Verantwortung die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil unter allen Umständen zu erhalten. Die Voraussetzungen hierfür zu schaffen, ist aber die Pflicht und die Aufgabe des Staates.

Von diesem fordern wir daher die konsequente Durchsetzung folgender Grundrechte:

1 (GG Art 1,1) Die Würde des Menschen (auch die des Kindes) ist unantastbar. 2 (GG Art 1,2) Das deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten...(auch zu Kindermenschenrechten). 3 (GG Art 2,1) Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

(Unmöglich ohne gleichwertigen Kontakt zu beiden Eltern.) 4 (GG Art 3,1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich (Auch Väter). (GG Art 3, 2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt (Väter wie Mütter). 5 (GG Art 3,3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes...benachteiligt werden. (Weder Frauen noch Männer). 6 (GG Art 6, 4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. (auch Kinder und Väter).

7 (GG Art 6,5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern. (Weg mit dem Mutter-Vetorecht von 1998 im § 1626 a BGB)

Im Besonderen fordern wir außerdem:

1 Anerkennung des Primates von Internationalem Recht über nationales Recht 2 Streichung des deutschen Vorbehaltes in der UNO Charta zu Menschenrechten

für Kinder. 3 Durchsetzung von Urteilen des EGMR, Straßburg. 4 Bundesweite Einführung des Cochemer Modells. 5 Kontrollierbarkeit der Jugendämter durch eine zentrale Kontrollinstanz 6 Spezielle Ausbildung und obligatorische Weiterbildung für Familienrichter. 7 Doppelresidenz als Regelfall. 8 Schutz des Kindes durch aktiven Schutz seiner Bindungen.

Damit nicht in 10 Jahren 10 Millionen Kinder verzweifelt schreien: „Mama, Papa, Vater Staat, warum habt ihr mich verlassen.!“

Mathieu Carriere